Ferienclub Dietersweiler – Eine Chronik

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Mai 2000

Am Fleesensee in Mecklenburg Vorpommern wird bei dem kleinen Dorf Göhren-Lebbin (280 Einwohner) der Ferienpark "Land Fleesensee" eröffnet. Er liegt "nur wenige Minuten von der A 19 entfernt". (Vgl. ANZEIGER vom 11. September 2002)

Die Investitionssumme für die gesamte Ferienanlage Flesensee beträgt 400 Millionen Mark; der Ferienpark hat eine Größe von 550 Hektar. "Zur Gesamtinvestition von vierhundert Millionen Mark steuerte das Land Mecklenburg-Vorpommern einen verlorenen Zuschuss von fast einem Viertel der Gesamtsumme bei, etwa der gleiche Betrag wird von einem Bankenkonsortium unter Führung der Landesbank für Mecklenburg-Vorpommern als Kredit finanziert. Das restliche Geld [also immer noch ca. 100 000 000] soll durch die Zeichnung von Anteilen, jeweils von mindestens dreißigtausend Mark an, zusammenkommen." (FAZ vom 4. Mai 2000)

Seit dieser Zeit bemüht sich Frau Carola Broermann, "Jung-Stadträtin der CDU, die als Inhaberin eines Reisebüros und Mitglied in zahlreichen touristischen Gremien auf Bundes- und Landesebene auch die richtigen und wichtigen Kontakte hat" (Schwarzwälder Bote vom 26. / 27. August 2000) darum, die großen Reiseveranstalter Thomas Cook ("ALDIANA") und TUI ("Robinson") für Freudenstadt und die Einrichtung eines Ferienclubs zu interessieren.

Sommer 2002

In Dietersweiler wird eine "Bürgerinitiative gegen einen Ferienclub am Standort Waldäcker" gegründet.

2. Juli 2002

Der Stadtrat gibt mit einer Gegenstimme und einer Enthaltung seine grundsätzliche Zustimmung dazu, einen Ferienclub in Freudenstadt Dietersweiler anzusiedeln.

Das Clubprojekt von ALDIANA benötigt eine Fläche von 22 Hektar und enthält einen eigenen Neun-Loch-Golfplatz.

Robinson beansprucht 10 Hektar (ohne Golfplatz)

Beide gehen von einem Clubhotel mit 450 Betten aus.

Mit 36 Grundstücksbesitzern müssen Optionsverhandlungen geführt werden. (Schwarzwälder Bote vom 4.Juli 2002)

Juli 2002

Das Projekt Ferienclub erfährt u. a. massive Unterstützung durch den Hotel- und Gaststättenverband Freudenstadt: "Ein Club wäre ein Segen für Hotellerie, Gastronomie und Handel.", KTK Freudenstadt (Tourismusdirektor Michael Krause): "Die Einfamilienhäuschen erfahren dadurch möglicherweise eine Wertsteigerung." (SÜDWEST PRESSE vom 9. Juli 2002), Handels- und Gewerbeverein: "So wie früher die Kururlauber aus ihren Kurbädern in Freudenstadts City kamen, so würden das auch Cluburlauber tun. Sonst wären sie die ersten Urlauber, die sich nicht für Land und Leute interessieren würden." (Schwarzwälder Bote vom 20. Juli 2002)

Juli 2002

Die Bürgerinitiative Dietersweiler legt Unterschriftslisten in den Geschäften aus und verteilt eine Informationsschrift, in der zur Teilnahme an der Bürgerversammlung in Dietersweiler am 22. Juli 2002 aufgefordert wird. Die Information enthält Argumente gegen die Errichtung eines Ferienclubs auf dem Gelände "Waldäcker" und auch ein Massemodell, das vom Architekturbüro Lieb entsprechend den Grundrissen des Aldiana Entwurfs errechnet ist und in die Landschaft eingepasst wurde.

Es kommen mehr als 500 Unterschriften zusammen gegen die Ansiedlung eines Ferienclubs in Dietersweiler.

Juli 2002

Die Stadt Freudenstadt gibt eine "Bürgerinformation" heraus mit einem idyllischen Foto der Aldiana-Anlage "Hochkönig", stellt die Aldiana-"Entwurfsidee" vor und wirbt um "eine positive Einstellung der Bürgerinnen und Bürger zur geplanten Ferienclubanlage."

Auch hier wird eingeladen zur Bürgerversammlung in Dietersweiler.

Juli 2002

Da "auf Grund von Einbrüchen bei den Gewerbesteuereinnahmen und dem unvorhergesehenen Sanierungsbedarf der Tiefgaragen" (SÜDWEST PRESSE vom 19. Juli 2002) alle Finanzplanungen gegenstandslos sind, sieht sich die Stadt Freudenstadt gezwungen, alle Vorhaben zu prüfen und kräftig zu streichen ausgenommen am Projekt Ferienclub. In den beiden Zeitungen tobt ein Leserbriefkrieg für Schwimmbäder und gegen den Ferienclub.

17. Juli 2002

Mit 1 Ja- und 7 Neinstimmen stimmt der Ortschaftsrat Dietersweiler gegen die Errichtung eines Ferienclubs am Standort "Waldäcker."Ortschaftsrat Lieb erinnerte daran: "Wir sind in Dietersweiler mit einer Gegenstimme gegen diesen Standort angetreten." (SÜDWEST PRESSE vom 22. Juli 2002)

19. Juli 2002

Die Bürgerinitiative Dietersweiler lädt im Mitteilungsblatt unter "Vereinsnachrichten" zur Luftballonaktion am 20. Juli ein. Es ist dies das einzige Mal, dass an diesem Ort eine Mitteilung möglich war!

20. Juli 2002

Die Bürgerinitiative veranstaltet auf dem vorgesehenen Clubgelände eine Luftballon-Aktion. Mit bunten Luftballons wird im Gelände die Größe der Clubfläche markiert. Etwa 150 Menschen nehmen an der Aktion teil. Um sich zu informieren, kommen auch die Stadträte Jörg und Klumpp (CDU), und die Stadträtinnen Fetscher (FW) und Breyer (BA).

22. Juli 2002

Die Bürgerversammlung in Dietersweiler findet in der bis auf den letzten Platz gefüllten Sporthalle statt. Viele Interessierte müssen die Veranstaltung von draußen mitverfolgen. Es gelingt den Vertretern der Stadt nicht, die Vorbehalte der Menschen in Dietersweiler zu zerstreuen. Auch die optimistischen Berechnungen von Tourismus-Direktor Michael Krause (SÜDWEST PRESSE vom 24. Juli 2002) zeigen keine Wirkung.

Oberbürgermeister Erwin Reichert weist darauf hin, "sowohl TUI als auch Aldiana als mögliche Betreiber wollten bis zum Herbst Entscheidungen treffen." (So auch SÜDWEST PRESSE vom 27. Juli 2002; Südwestumschau)

Kommentar von Hannes Kuhnert: "Wir bewegen uns weitgehend im Bereich von Spekulationen und Vermutungen", sagte ein Diskussionsredner. Das trifft den Nagel auf den Kopf. Noch weiß man zu wenig vom Projekt, seinen Ausmaßen, seinen Trägern, von den Leuten, die dahinter stehen. Diese Fragen muss wenn es denn so weit kommt das weitere Prozedere beantworten." (Schwarzwälder Bote vom 24. Juli 2002)

23. Juli 2002

Der Gemeinderat Freudenstadt verabschiedet den "Rohentwurf für den Regionalplan 2015." Er enthält eine "Grünzug-Rücknahme-Forderung" für das vorgesehene Clubgelände. In die Beschlussfassung geht auch der Vorschlag des Ortschaftsrats Dietersweiler ein, das Gelände nach Westen zu verschieben. (SÜDWEST PRESSE vom 25. Juli 2002)

31. Juli 2002

Die "Stuttgarter Zeitung" führt aus: "Der Gemeinderat jedenfalls hat sich bereits mit überwältigender Mehrheit für den Ferienclub entschieden und ist bereit, trotz eines Sparkorsetts 1,5 Millionen Euro in den mittelfristigen Haushalt einzustellen. "Jetzt kostet es richtig Geld", sagt Reichert. 80 000 Euro hat der Gemeinderat bereitgestellt, um die Projektentwicklung zur Ansiedlung eines Ferienclubs durch "Planungsleistungen und Sachkosten" zu unterstützen. Damit sollen Optionsverträge zu Gunsten des möglichen Investors finanziert werden. [ ... ] Die Freudenstädter planen eifrig, hoffen auf die Wiederbelebung des Fremdenverkehrs, errechnen sich Einnahmen wie etwa bis zu 105 000 Euro durch Kurabgabe der bis zu 450 Betten großen Clubanlage und erwarten einen Aufschwung der heimischen Gastronomie und des Handels."

Herbst 2002

Keiner der beiden möglichen Betreiber hat bisher eine Entscheidung getroffen.

September 2002

Die Bürgerinitiative Dietersweiler hat ein Rechtsanwaltsbüro in Reutlingen eingeschaltet, das sich am 12. September 2002 mit begründeten Einwendungen an die Stadt Freudenstadt wendet.

September 2002

In Dietersweiler wird eine Woche vor der Bundestagswahl die Plakataktion "Wir haben schon gewählt" gestartet. Etwa 200 Plakate mit dem durchgestrichenen Umriss des Ferienclubs werden privat über das ganze Dorf verteilt und an Garagentoren, Fenstern, Türen angebracht (SÜDWEST PRESSE vom 18. September 2002). Zum Teil hängen sie sogar noch im Februar 2003.

11. Oktober 2002

Die Bürgerinitiative Dietersweiler veranstaltet eine Fackelwanderung auf das Clubgelände. Es nehmen daran etwa 200 Menschen teil. Die Fackeln werden an der Ostgrenze des Geländes in den Boden gesteckt. Am Platz des zukünftigen Clubhotels (entsprechend der Aldiana-Skizze) leuchtet ein großes "NEIN". (SÜDWEST PRESSE vom 15. Oktober 2002)

12. Oktober 2002

Laut Schwarzwälder Bote stehen die Grundstücksverhandlungen "jetzt kurz vor dem Abschluß". Der Bericht fährt fort: "Die grundsätzliche Bereitschaft zahlreicher Eigentümer liege vor [ ... ]. Das Interesse der Clubs am Standort Dietersweiler sei nach wie vor vorhanden, so Reichert. [ ... ] Beide möglichen Investoren seien vom heftigen Widerstand einer Dietersweiler Gruppe gegen die Ansiedlung eines Club schon irritiert gewesen [ ... ]".

8. 10. November 2002

Die KTK Freudenstadt bietet eine Informationsreise nach Fleesensee an, damit Befürworter und Gegner des Clubprojekts in Freudenstadt eine Chance hätten, vor Ort Einblicke in das Innere einer solchen Anlage zu gewinnen. Diese Reise kann nicht stattfinden, da weder Befürworter noch Gegner bereit sind, für dieses Unternehmen Urlaub zu nehmen.

"Dass die Bemühungen so jäh gescheitert sind, einem Kreis von Interessierten und Betroffenen eine "reale Vorstellung" von einer Club-Oase zu verschaffen, nennt Krause "ein Trauerspiel": Vor allem, weil hierorts teilweise lautstark gegen die Ansiedlung eines solchen Projekts "polemisiert" werde. Die ausgeschlagene Information im einzigen Ferienclub dieser Art in Deutschland sei jetzt für alle "eine vertane Chance". (SÜDWEST PRESSE vom 5. November 2002)

7. November 2002

Ralf Braun, Rüdiger Luz und Gerhard Lieb reisen nach Innsbruck, um sich dort mit dem Geschäftsführer der Reither Hotelverwaltung GmbH Udo Wanner zu Gesprächen zu treffen. Herr Wanner hatte mit Robinson einen Betreibervertrag für den Robinson-Select-Club "Alpenkönig" abgeschlossen. Nach einer Laufzeit von vier Jahren wurde von Herrn Wanner der Vertrag gekündigt, um einen drohenden Konkurs abzuwenden.

Neujahr 2003

Oberbürgermeister Erwin Reichert stellt in seinem "Neujahrsgruß 2003" fest: "Mich erfüllt die Situation für das Jahr 2003, den Haushalt der Stadt nicht ausgleichen zu können, mit großer Sorge. [ ... ] Wir müssen 2003 kleinere Brötchen backen. Wir sind gezwungen, die finanzielle Situation dazu zu nutzen, uns von Aufgaben und Einrichtungen zu trennen, die nicht zwingend vorgehalten werden müssen und zur Zeit von uns auf freiwilliger Basis erbracht werden. Damit müssen wir die Voraussetzungen schaffen, Energie und Geld freizustellen, um Freudenstadt zukunftsfähig zu machen." In diesem Zusammenhang sagt Erwin Reichert auch: "Große Energie haben wir [ ... ] für die Ansiedlung eines Ferienclubs eingesetzt." (Mitteilungsblatt der Stadt Freudenstadt 20 / 51 vom 20. Dezember 2002)

9. Januar 2003

Rüdiger Luz trägt in einer Versammlung der Bürgerinitiative Dietersweiler die Ergebnisse des Gespräches mit Herrn Wanner vor. Diese Informationen werden der Stadtverwaltung und allen Mitgliedern des Stadtrates brieflich zugehen. Die Versammlung lehnt es ab, die Informationen und Daten an die Presse zu geben, ehe sie bei den Empfängern angekommen sind.

Februar 2003

Die Grundstücksverhandlungen sind so weit gediehen, dass "nahezu alle von 36 Grundstücksinhabern im betroffenen Gelände" bereit sind zu verkaufen. (Schwarzwälder Bote vom 4. Februar 2003)

Seit Oktober hat sich also nichts grundsätzlich geändert!

Februar 2003

"Der Reiseveranstalter Aldiana GmbH hat sich vom Projekt eines Ferienclubs in Freudenstadt-Dietersweiler zurückgezogen." (Schwarzwälder Bote vom 4. Februar 2003)

"In dem Absageschreiben [ ... ] bezeichnete das Unternehmen ein Ferien-Projekt am Standort Deutschland als "so hohes finanzielles Risiko, dass eine Realisierung unser Unternehmen schwächen würde." [ ... ] Die Pressestelle von Club Aldiana nennt im allgemeinen Tonfall "ausschließlich wirtschaftliche Gründe" für das Fallenlassen des Projekts. "Finanziell rentiert sich das nicht", heißt es." (SÜDWEST PRESSE vom 8. Februar 2003)

4. Februar 2003

Das Schreiben der Bürgerinitiative mit kritischen Informationen zum Robinson-Club "Alpenkönig" in Seefeld-Reith erreicht seine Empfänger.

7. / 8. Februar 2003

In beiden Zeitungen äußern sich Frau Broermann und Herr Oberbürgermeister Reichert äußerst abfällig über die Mitteilungen der Bürgerinitiative Dietersweiler. Sie werden als "hinterhältig", "Unverschämtheit", "Frechheit", "dilettantisch" bezeichnet. Die Anschuldigungen gehen so weit, dass den Verfassern unterstellt wird, sie "hantierten [ ... ] mit "unverifizierten Daten", vielen Behauptungen und derben Fußtritten." Die Tatsache, dass Entscheidungsträger von Bürgern informiert werden, wird als undemokratisch bezeichnet.

"Oberbürgermeister Erwin Reichert nennt das Vorgehen der Bürgerinitiative "hinterhältig": "So kann man in einer Demokratie nicht mit einander umgehen."

(Schwarzwälder Bote vom 7. Februar 2003 und SÜDWEST PRESSE vom 8. Februar 2003)


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