Die Rußhütte an der Stuttgarter Straße (1849 – 2002)

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Rußhütten gab es im Nordschwarzwald bis zum 19. Jahrhundert sehr viele. Erhalten sind nur noch zwei: Enzklösterle (restauriert) und Freudenstadt. Dass von den anderen - besonders viele lagen im Raum Baiersbronn - nichts mehr übrig geblieben ist, liegt daran, dass sie vorwiegend Holzbauten waren, die ohnehin fast regelmäßgig abgebrannt sind. Aus diesem Grund befanden sich Rußhütten immer in größerem Abstand von geschlossenen Ortschaften.
So war auch die Freudenstädter Rußhütte damals vor den Toren der Stadt, draußen im Grünen. Diese Lage bewahrte sie im April 1945 vor der Zerstörung. Mittlerweile gibt es den ‚Schwanenhof‘, der aus der Rußhütte hervorgegangen ist, nicht mehr. Erworben von der Stadt Freudenstadt im Jahre 1976, wurde er 1979 – zur Vorbereitung eines Verkehrsprojektes, mit dem die gesamte Stadt mit einem Tunnel unterfahren werden soll – abgerissen; bis auf das ehemalige Wohnhaus, eben die Rußhütte.

Der Tunnel wurde bis heute nicht gebaut; seit mehr als 25 Jahren zerfällt dieses Gebäude.

nach oben Architektur

Wie schön dieses Haus einmal gewesen ist, zeigen die heute noch erhaltenen Details der Architektur. Die Repräsentationsfront zur Straße hin, die ehedem viel tiefer lag, wird gegliedert durch sechs Pilaster, die leicht hervorspringen und an den Eckkanten des Hauses mit aufgesetzten Kapitelplatten dem Baukörper unauffällige Akzente setzen.
Die originalen Fensteröffnungen im Parterre liegen in sorgfältig gearbeiteten Sandsteinfassungen; zur Belüftung der ehemaligen Produktionsräume befinden sich über den Fensterstürzen leicht geschwungene Schlitze. Deutlich unterscheidet sich die Schauseite von den Giebelseiten und der Rückseite.
Wer sich der Ruß - Fabrik näherte, sollte einen Eindruck von Solidität und Seriosität erhalten: so sind die Quader der Straßenfront wesentlich sorgfältiger behauen und verfugt als an den drei anderen Seiten des Hauses, die vermutlich verputzt werden sollten.

In einer politisch aufgeregten Zeit, 1849, als nicht nur in Baden, sondern sogar im schwäbischen Schwarzwald der Ungehorsam gegen die autoritäre Obrigkeit versucht wurde, entstand das Haus nach Ausweis eines Türsturzes mit Jahreszahl.

nach oben Rußproduktion

Ruß sollte durch Verschwelen von Reisig, harzhaltigem Holz und Harzgrieben, die bei der Harzverarbeitung anfielen, in diesem Gebäude produziert werden. Der Grobruß, der sich am Beginn des Gewölbes niederschlug, diente zur Herstellung von Ofen- und Lederpflegemitteln (Stiefelwichse), der feinere für Ölfarbe und Druckerschwärze. Der feinste Ruß wurde in einem Tuchfilter zurückgehalten, welches über dem Abzugloch am Ende des Rußgewölbes hing. Dieser Feinruß wurde zum Beispiel für Zeichentusche verwendet.

Die Rußhütte in Freudenstadt unterscheidet sich von der Hütte in Enzklösterle durch ihre Größe. In Freudenstadt sollten mit frühindustriellen Methoden Grundstoffe für chemische Produkte hergestellt werden, freilich aus den klassischen Ausgangsmaterialien des Waldes. In eben dieser Zeit begannen Steinkohlenverschwelung und Koksproduktion Teer abzuwerfen und die industrielle Holzverschwelung wurde zu aufwendig.

Daher war der Freudenstädter Rußhütte nur eine kurze Betriebszeit beschieden, denn an sie wurden höhere Renditeanforderungen gestellt als an die ältere einfachere Anlage in Enzklösterle. Daher wurde das Gebäude aufgegeben und schließlich zum Wohnhaus umgebaut. Selbst dann wurde dem Haus Achtung entgegengebracht. Denn auch die neuen Fenster und Türen, die keine Rücksicht auf den ursprünglichen Entwurf nahmen, wohl auch nicht nehmen konnten und dessen Rhythmus zerstörten, wurden mit gediegener Steinmetzarbeit dem zwar zweckentfremdeten, aber neu genutzten Gebäude eingepasst. Erhalten blieb auch, als Keller benutzt, das große Rußgewölbe.

nach oben Ausblick

So ist gerade heute, da die Wirtschaftswelt in einem Umfang wie noch nie zuvor kapitalorientiert umgebaut wird und Millionen Menschen ihre Arbeit verlieren, die Rußhütte in Freudenstadt nicht nur ein Erinnerungsort an die wirtschaftliche Vergangenheit, sondern auch eine Stätte, die dem Strukturwandel ausgeliefert war und damit in unsere eigene Zukunft weist.

Kurt Breuer und Albrecht Lörcher

Bildnachweis:
Schwanenhof: Freudenstädter Heimatblätter 1959
Aufriss Rußhütte: Walter Kull; in: Lebendiges Freudenstadt 10 / 86
Querschnitt Rußhütte: Walter Kull; in: Stuttgarter technikgeschichtliche Vorträge 1980 / 81
Grundriss Rußhütte: ebenda
Fotos: Albrecht Lörcher 1983 und 2002

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